der mensch

Was ist der Mensch

wenn nichts mehr bleibt

verletzlich und nackt

vom ersten Tag an dem Tode geweiht.

 

Wir kommen, wir gehen

und die Zeit verrinnt

Lieben, Hassen, Weinen, Verstehen

ein Leben wie ein Wispern im eisigen Wind.

 

Jahre lang in eine Form gezwungen

gepeinigt von Angst und Scham und Vernunft

von Elend, Hunger und Armut geschunden

immer bettelnd und kriechend um des Nächsten Gunst.

 

Tausend Momente auf dem Gabentisch der Zeit

verschenkt, vergessen, verpasst, verloren

vergebens gewartet auf die Ewigkeit

im Krieg die Köpfe kahl geschoren

im Krieg, wo keine Würde bleibt.

 

 

Am letzten Tag

wird das Flüstern der Engel vorwurfsvoll sein

von verpassten Gelegenheiten sprechen, von unnötiger Pein

vor allem aber von dem, was die Liebe vermag.

Zurückgehaltene Tränen,

nicht ausgestreckte Hände

viel zu spät betrauert,

viel zu spät beklagt.

 

31.10.09 23:45, kommentieren

versuchung

deine gelbgrüne hängematte baumelt

im zeitgeistwind

während süßwarmer holundersirup

schwermütig

den herbkalten sprudel

hinunterstrudelt

und  iranische violinen

ihre weise klagen

zum rhythmus praller regentropfen -

 bin ich dir schon verfallen,

aber verleite mich doch -

 bin ich dir schon gefolgt,

aber entführe mich doch

durch die süßlichen nebel hindurch

in versuchung

 

 

31.10.09 23:45, kommentieren

berlin

 

 

schornsteinwattewolken fliegen

wo hast du dich rumgetrieben

die bahnhofsuhr steht still

und

müde bist du

nimmst den kaffee to go

but where do you go, my baby?

 

durch ein meer von graffitisternen

durch die hellen sonnenschaaren

den tauben hinterher

 

der stahlblaue himmel vogelverhangen

wie willst du über die straßen gelangen

dein herz ist doch so schwer

und

traurig bist du

nimmst den kaffee to go

but where do you go, my baby?

 

über die roten backsteinbrücken

durch die blechernen autolücken

den kneipen, dem bass hinterher

 

die spree, die gleise, die züge leise

alles steht heut still

und

mutig bist du

nimmst den kaffee to go

but where do you go, my baby?

 

im kalten regen

der sehnsucht entgegen

einfach nur nach haus

2 Kommentare 31.10.09 23:44, kommentieren

die urne

dunkelblau, aus holz

ist sie

es tanzen sterne auf ihr -

schön, aber dennoch

nur eine truhe, nur ein ding

da kannst du ja nicht drinnen sein:

jeder kuss und jeder abschied

alle durchwachten nächte

und verschlafenen tage

jedes wort, das du schriebst

jede angst, die du gehabt hast

jedes haar auf deinem kopf

und alle geweinten tränen

du bist nicht in der truhe

da kannst du nicht sein

das ist nur ein ding

auf dem die sterne tanzen

1 Kommentar 31.10.09 23:43, kommentieren

der weg

 

 

gestern machte ich mich auf den weg

in meinem koffer ein paar lieder

leicht wie blüten im frühlingswind

 

heut bin ich auf dem weg – zu dir

im koffer ein schwarzer rock aus flanell

schwer wie die berge, über die die blüten ziehen

 

morgen endet mein weg – an deinem grab

dann trage ich meinen rock und höre unsere lieder

schwer und leicht zugleich,

wie zarte blumen, die leise über schroffe berge ziehen

1 Kommentar 31.10.09 23:42, kommentieren

such mich

such mich

ich bin in mir

verschleiere mein gesicht

und

bedecke meine füße

komm such mich

hinter tausend schatten

im mondlicht

im orangenhain

 

 

such mich

ich bin außer mir

meine haut glüht heiser

und

mein herz schlägt laut und rauh

komm such mich

in den höchsten wellen

im sog der gezeiten

unterm himmelszelt

 

 

 

 

31.10.09 23:41, kommentieren

selbsterkenntnis

Ich bin die Mutter, die dich wiegt

und die Hure, die dich liebt.

Ich bin die Glut, die in dir brennt,

bin die Fessel, die dich hemmt.

Ich bin das Salz in deiner Wunde

und der Kuss auf deinem Munde.

Bin das Lied auf deinen Lippen,

bin die Last auf deinem Rücken.

Ich bin der Tropfen, bin das Meer,

ich bin die Heilung und der Speer.

In mir beginnt es und wird es enden,

ich bin die Welt in deinen Händen.

 

31.10.09 21:44, kommentieren